Auf Reisen mit dem Cannabis‑Sommelier: Was macht man in diesem Traumjob eigentlich?

Hast du dich schon einmal gefragt, woher medizinisches Cannabis wirklich stammt – und welchen Weg es zurücklegt, bevor es schließlich in deiner Apotheke landet? Zwischen „irgendwo angebaut“ und „pharmazeutisch verfügbar“ liegen unzählige Entscheidungen. Genau dort beginnt die Arbeit eines Cannabis‑Sommeliers.

Bei avaay nimmt dich Cannabis‑Sommelier Tim Dresemann mit hinter die Kulissen: als Agrarbiologe, Strain‑Entdecker und Qualitäts‑Scout war er bereits bei über 70 Anbaubetrieben weltweit. Sein Ziel ist klar: außergewöhnliche Strains finden, ihre Qualität überprüfen und Sorten auf den deutschen medizinischen Markt bringen – ohne Kompromisse bei Sicherheit und Standards.

Sourcing – die Suche nach dem Besten (nicht nach „irgendwas“)

Cannabis‑Sourcing klingt nach Einkauf, ist aber im Kern Qualitätsarbeit. Bevor Cannabis in der Apotheke landet, muss es unter den richtigen Bedingungen wachsen – und zwar so, dass am Ende Stabilität und Verlässlichkeit herauskommen. Dazu gehört: ein gleichbleibender Wirkstoffgehalt, ein sauberer Prozess, ein kontrolliertes Umfeld und ein reproduzierbares Terpenprofil. Beim Sourcing geht es deshalb nicht um Masse, sondern um Präzision: Welche Anlagen produzieren konstant? Welche Sorten sind wirklich „next level“?

Schritt 1: Screening – das Radar im Berliner Büro

Die Reise startet häufig nicht am Flughafen, sondern am Bildschirm. Tim und sein Team müssen aus teils tausenden Kilometern Entfernung entscheiden, ob ein Grower überhaupt einen Besuch wert ist. Premium‑Grower „werben“ selten laut – sie werden gefunden. Also zählen Netzwerk, Erfahrung und ein gutes Bauchgefühl, das trotzdem mit Fakten unterfüttert sein muss. Oft beginnt alles mit einem Videocall: Anbau, Verarbeitung, Logistik, Zahlen – und die Frage, ob es neben den Basics auch etwas Besonderes gibt.

Schritt 2: Vor Ort – Reality‑Check mit Lupe und Prozessblick

Wenn das Screening überzeugt, geht es in die Anlagen. Ein Cannabis‑Sommelier schaut dann nicht nur auf die Blütenoptik. Er prüft Anbaubedingungen, Hygiene, Dokumentation, Trocknung, Lagerung und die Abläufe, die später darüber entscheiden, ob Qualität wiederholbar ist.

Und ja: Manchmal ist die Branche noch abenteuerlich. Tim erzählt von einer Reise nach Thailand, die damit endete, dass die „Anlage“ gar nicht existierte – stattdessen stand plötzlich das Angebot im Raum, man könne ja über CBD‑haltige Bodylotions sprechen, wenn er schon angereist sei. Solche Erfahrungen sind mehr als Anekdoten: Sie zeigen, warum Vor‑Ort‑Checks unverzichtbar sind.

Exkurs: Woran erkennt man einen besonderen Strain?

Auf die Frage, was einen Strain außergewöhnlich macht, antwortet Tim mit einem Bild, das erst einmal überrascht: ein perfektes Frühstücksei. Es schmeckt genau so, wie ein Ei schmecken sollte – nur besser. Es trifft die Essenz.

Übertragen auf Cannabis heißt das: Aroma, Look, Genetik und Effekt greifen so stimmig ineinander, dass ein rundes Gesamtbild entsteht. Das ist schwer objektiv messbar – aber mit Erfahrung, Sensorik und Vergleichswerten sehr gut einschätzbar.

Aroma, Geschmack, Terpenprofil

Manche Strains überraschen mit einer völlig neuen Aromatik. Andere zeigen bekannte Terpenprofile – aber in so reiner, kraftvoller Ausprägung, dass sie dich daran erinnern, warum Cannabis so faszinierend ist. Tim beschreibt einen Strain namens „God’s Breath“ augenzwinkernd so, dass der Name kein Zufall sei. Solche Momente sind für einen Sommelier kein „Nice‑to‑have“, sondern ein Hinweis auf Charakter und Konsistenz einer Genetik.

Prozessqualität statt nur „Produktqualität“

Ein Strain kann genetisch spannend sein – und trotzdem im Prozess verlieren. Deshalb schaut ein Cannabis‑Sommelier nicht nur auf die Blüte, sondern auch darauf, wie sie entsteht. Tim nennt als Beispiel innovative Systeme wie Aquaponic: Ein Partner aus British Columbia kombiniert Fischzucht und Cannabisanbau in einem nachhaltigen Kreislaufsystem. Solche Ansätze können nicht nur nachhaltiger sein, sondern auch einen eigenen „Fingerabdruck“ erzeugen – dieses kleine Extra, das aus gutem Cannabis etwas Eigenständiges macht.

Schritt 3: Von der Blüte bis zur Apotheke – GMP als Balanceakt

Ist der richtige Strain gefunden, beginnt der nächste Abschnitt: Der Weg nach Deutschland – in pharmazeutischer Qualität. Blüten laufen dafür durch eine streng regulierte Lieferkette unter GMP‑Bedingungen (Good Manufacturing Practice). Diese Standards schützen Patient:innen. Gleichzeitig entsteht ein Spannungsfeld: Was für Labore sinnvoll ist, ist nicht automatisch ideal für Cannabis.

Tim nennt ein greifbares Beispiel: Die Restfeuchte darf Grenzwerte nicht überschreiten – sinnvoll, um mikrobiologische Risiken zu minimieren. Viele Hersteller trocknen aber besonders stark, um „auf Nummer sicher“ zu gehen. Das reduziert Freigabeprobleme, kann jedoch spürbar zulasten von Aroma und Haptik gehen. Tims Linie ist dabei klar: Sicherheit zuerst – aber innerhalb der Regeln sollte Qualität bestmöglich erhalten bleiben.

Warum das alles zählt

Ein Cannabis‑Sommelier ist am Ende Übersetzer: Er macht aus einer weltweiten, komplexen Produktionsrealität etwas, das für Patient:innen verlässlich wird. Er filtert, prüft, vergleicht – und kuratiert Strains so, dass am Ende nicht „irgendein“ Produkt in der Versorgung landet, sondern eine Auswahl, die Qualität als Prozess versteht.

Wer noch tiefer einsteigen will: Tim nimmt die Community auch digital „on the road“ mit – dorthin, wo Qualität wirklich beginnt.

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